25.07.10 13:43 zaman: 2 yrs
„Ich bin kein Enkel von Mutter Teresa“
Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, erzählt im Sommergespräch mit Astrid Wirtz von Integrations- und Bildungsproblemen und von Intensivtätern. Warum er sich mehr staatlichen Einfluß auf Familien wünscht:
Heinz Buschkowsky
„Ich bin kein Enkel von Mutter Teresa“
Herr Buschkowsky, es ist schon viel über Sie gesagt worden. Was war denn das Netteste ?
BUSCHKOWSKY: In der Laudatio zum Gustav-Heinemann-Preis nannte mich mein Parteivorsitzender einen sozial-demokratischen Schatz.
Und, hat er recht?
BUSCHKOWSKY: Ich bin vom alten Schlag einer lebensweltorientierten SPD und mache Politik für die Menschen und ihre Probleme im Alltag. Ich versuche, ihre Interessen in Neukölln zu vertreten und formuliere so, dass es jeder versteht. Die Leute haben ein feines Gespür dafür, ob ihre Sorgen verstanden und aufgenommen werden oder ob ihnen jemand etwas vom Pferd erzählt.
Sie reden schonungslos?
BUSCHKOWSKY: Ja, über die Anhäufung des sozialen Sprengstoffs. Im Jobcenter Neukölln sind 90 Prozent der Kunden unter 25 Jahren ohne weitere Qualifikation objektiv nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Gleichzeitig haben wir hier in Berlin 1000 freie Ausbildungsplätze. Viele junge Menschen bringen aber einfach die Grundlagen für eine Ausbildung nicht mit. Es geht um soziale Kompetenzen. Morgens zu einer bestimmten Zeit aufstehen, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, die Grundrechenarten und die deutsche Sprache. In Nord Neukölln beziehen 2 / 3 bis 3 / 4 der Kinder unter 14 Jahren Hartz IV und in den Schulen sind bis zu 90% der Eltern von der Zuzahlung für die Schulbücher befreit. Viele Kinder kennen niemanden mehr, der regelmäßig zur Arbeit geht. Das Geld kommt vom Amt. Da steht bei vielen zuhause außer den Schülern morgens keiner auf, sagen die Lehrer.
Viele palästinensische Familien in Berlin zum Beispiel hatten aber doch über Jahrzehnte nur Duldung. Da durften die Kinder gar keine Ausbildung machen.
BUSCHKOWSKY: Wir haben die Menschen 20 bis 25 Jahre an das Sozialsystem gewöhnt. Jetzt beherrschen sie das professionell. Da muss man sich doch nicht wundern. Spätestens als die Geduldeten Familien gründeten und Kinder bekamen, hätte man sich um die Zukunft und den Werdegang der Kinder Gedanken machen müssen. Ich werde Hartzer, ist heute ihre trotzige Antwort auf die Frage nach ihrem Lebensziel.
Die wollen nicht arbeiten?
BUSCHKOWSKY: Von den 100 Auszubildenden hier im Rathaus sind nur ganz wenige Jungs. Bürojob? Ich bin doch nicht schwul. Bücherlesen, Lernen alles Weiberkram. Das sind junge Männer, die haben zu Hause gelernt, dass der Mann ein Kämpfer ist, er muss tapfer und mutig sein. Mädchen sind rein, züchtig und gehorsam.
Wieso setzt sich das heute noch fort?
BUSCHKOWSKY: Für die Menschen, die vor 200 Jahren auswanderten, war die Heimat anschließend weit weg. Es blieben die Geschichten aus Opas Erinnerungen. Heute fliegen sie zwei mal im Jahr für 39 Euro zurück und laden den Traditionsakku auf. Deshalb bleiben die Erziehungsbilder lebendig.
Auch mehr und mehr deutsche Eltern sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert, auch die sind nicht ausbildungsfähig.
BUSCHKOWSKY: Ja, natürlich. Aber in den Migrantenmilieus ist die Bildungsferne noch ausgeprägter.
So pauschal gesagt, stößt das viele vor den Kopf.
BUSCHKOWSKY: Unser Bekanntenkreis und das öffentliche Leben verfügen über zahlreiche Beispiele von gelungenen Integrationskarrieren. Es hilft aber nicht weiter, sich damit zufrieden zu geben. Man darf die bestehenden Probleme nicht ignorieren. Häusliche Gewalt zum Beispiel kommt bei Migranten vier Mal häufiger vor als in deutschen Familien.
Wie weit sind Sie von den umstrittenen Äußerungen Thilo Sarrazins entfernt?
BUSCHKOWSKY: Sarrazin hat bei seinen Analysen in einigen Dingen recht und in anderen nicht. Seine Aussagen zur Wirkung von Bildungspolitik und zur Intelligenzvererbung in bestimmten Ethnien halte ich für quatsch. Seine Formulierungen bewegen sich am Rande des Rassismus.
Aber sie übertreiben doch auch gerne?
BUSCHKOWSKY: Aber nicht so. Ich provoziere in der Tat auch gern, um Sachen auf den Punkt zu bringen. Zum Beispiel, als ich gesagt habe, dass die deutsche Unterschicht das neue Betreuungsgeld versaufen und die migrantische die Oma zur Kindererziehung holen würde. Wenn Sie sich Gehör verschaffen wollen, ist eine laute Tröte ein zulässiges politisches Mittel.
Gibt es Leute, die Sie gerne nach Hause schicken würden?
BUSCHKOWSKY: Wo ist das Zuhause eines prügelnden Sergios oder Mohammeds? Das sind Söhne von Vätern, die selbst schon Söhne eines Gastarbeiters sind. Ich bürgere hier persönlich alle 14 Tage Menschen ein. In Einzelfällen zucke ich schon manchmal innerlich zusammen. Aber glauben Sie mir, wenn ich die Bilder vom Ballermann sehe, wünsche ich mir bei einigen guten Deutschen auch, dass sie den Flieger zurück verpassen. Entscheidend ist doch vielmehr, wie verhindere ich, dass der Sohn von Intensivtäter Mohammed wieder ein Schläger wird.
Den Mohammed haben Sie aufgegeben?
BUSCHKOWSKY: Ja, der ist durch. Ein Fall für den Sozialtransfer oder die Justiz. Ich habe keine Hoffnung für Intensivtäter. Ich bin kein Enkel von Mutter Teresa. Intensivtäter sind verwahrlost im Kopf, aber nicht impotent. Deshalb muss die gesellschaftliche Aufgabe bei den Kindern ansetzen.
Sie wollen so früh wie möglich eingreifen?
BUSCHKOWSKY: Ich bin für eine verbindliche Vorschulerziehung und Ganztagsschulen wie in ganz Europa. In zehn Jahren wird in Deutschland kein Mensch mehr über eine Kindergartenpflicht diskutieren. Die Kompetenz für das Bildungswesen muss weg von den Sandkastenspielen in den Ländern und auf den Bund übertragen werden. Die Realität in unserer Gesellschaft können Sie am Ergebnis des Bürgerentscheids in Hamburg über die Einführung der sechsjährigen Grundschule ablesen. Gemeinsame Sozialisation, Bildungstransfer, Chancengerechtigkeit, alles prima, nur nicht mit meinem Kind, in meinem Viertel.
Sie wollen mehr staatlichen Einfluss in den Familien?
BUSCHKOWSKY: Schauen Sie in die Kitas. Die Kinder, die den Kindergarten am nötigsten bräuchten, sind mit dem niedrigsten Anteil vertreten. Deshalb brauchen wir eine intervenierende Gesellschaft. Ich bin durchaus dafür, Geld als Erziehungsfaktor bei den Eltern einzusetzen. Kommt das Kind nicht in die Schule, kommt das Kindergeld nicht auf das Konto. Und schon hat die Schwänzerei ein Ende. Demokratie ist nicht die Anleitung zur Beliebigkeit. Auf das Integrationsgen zu warten, ist müßig. Integration muss man einfordern, aber auch fördern.
Trauen Sie sich noch auf die Straße?
BUSCHKOWSKY: Den Bürgermeister verhaut man nicht. Mit dem macht man ein Foto.
Aber für den Regierender Bürgermeister kommen Sie nicht in Frage?
BUSCHKOWSKY: Ich bin mit der Flunderperspektive eines Dorfschulzen rund um das Neuköllner Rathaus zufrieden. Ich strebe keine weiteren Ämter an.
Was regt Sie auf?
BUSCHKOWSKY: Die Ignoranz. Es gibt viele Neuköllns in Deutschland. Die Zahl derjenigen, die nicht in der Lage sind, ein selbst bestimmtes Leben zu führen, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Wenn die Demographie so weitergeht, werden wir von der eigentlich notwendigen Million noch etwa 600.000 Geburten pro Jahr haben. Ein Viertel bleibt ohne Ausbildung, ein Viertel verlässt als auf Kosten der Allgemeinheit ausgebildeter Akademiker das Land und die restlichen 300 000 sollen für sich selbst und ihre Familie sorgen und im Übrigen das Bruttoinlandsprodukt eines dreifachen Jahrgangs erwirtschaften. Wie soll das gehen? Wenn es so bleibt, wird in 15 bis 30 Jahren das Sozialsystem zusammenbrechen.
Was haben die Probleme mit dem Islam zu tun?
BUSCHKOWSKY: Der Islam ist in seiner orthodoxen und traditionell ursprünglichen Form mit einer modernen Verfassung nicht in Einklang zu bringen, weil er die Trennung von Staat und Religion nicht akzeptiert. Die alevitische Lesart und Lebensweise des Islam setzt da schon andere Maßstäbe. Im Übrigen bin ich völlig leidenschaftslos, wer in welchem Gott seinen Frieden findet.
Gibt es etwas, was Sie in diesem Zusammenhang geärgert hat?
BUSCHKOWSKY: Mädchen, die in der Kita schon Kopftuch tragen, Grundschulkinder, die im Ramadan fasten müssen.
Suchen Sie Kontakt auch zu diesen religiösen Gruppen?
BUSCHKOWSKY: Das ist keine Einbahnstraße. Der Annäherungsbedarf aus den über 20 Moscheen in Neukölln ist gering. Uns als Gesellschaft bleibt nur eine Chance. Wir müssen die jungen Menschen in den Schulen durch Wissen so emanzipieren, dass sie keinen Bock mehr auf tradierte Parallelgesellschaft haben.
Haben Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?
BUSCHKOWSKY: Ja. Die Signale des Körpers waren eindeutig. Für meine Altersversorgung brauche ich das nicht mehr. Für mein Ego auch nicht. Aber meine Aufgabe hier ist noch nicht beendet.
Was machen Sie gegen den Applaus von der falschen Seite?
BUSCHKOWSKY: In Demut ertragen
Das Gespräch führte Astrid Wirtz
Kölner Stadt-Anzeiger vom 22.7.2010