24.12.10 14:24 Alter: 2 yrs
Auf einen Tee mit «Dede», dem Großvater
Von: Julia Rösch
In der dritten Folge unserer Serie über weniger bekannte Religions-gemeinschaften stellen wir die Aleviten vor Keine Scharia, kein Kopftuch: Die Aleviten vertreten einen Islam, der viel Wert auf innere Reinheit und Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau legt. Zur Frankfurter Gemeinde gehören etwa 700 Gläubige. Ihr Treffpunkt ist das Alevitische Kulturzentrum in Nied.
Frankfurt. Verwandt sind Serdar Dogan und sein Glaubensbruder Kasim Erdogan nicht – dennoch nennt der junge Mann den älteren «Dede», Großvater. Der Dede, erklärt Dogan, ist derjenige in einer alevitischen Gemeinde, der sich am besten mit den religiösen Ritualen und Grundsätzen auskennt. Oft zieht er sich in den kleinen Raum im Obergeschoss des Alevitischen Kulturzentrums in Nied zurück und brütet über den heiligen Schriften. Gemütlich ist es hier: Teppiche liegen auf dem Boden, in der Ecke steht eine große Zinkkanne mit Tee. «Wenn sich zwei streiten, ist der Dede auch Schlichter», sagt Dogan. «Dann nimmt er dort Platz», er weist auf die Kissen in einer Ecke des Raumes, «und die Gläubigen sitzen auf dem Boden vor ihm und schildern ihm ihr Problem».
Seit 20 Jahren hat das Alevitische Kulturzentrum in dem unscheinbaren Mietshaus im Nieder Westen seinen Sitz, etwa 700 Aleviten aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet zählen zur Gemeinde der islamischen Glaubensrichtung. Serdar Dogan, der junge Mann mit den braunen Augen, ist Vorstandsmitglied und Kulturbeauftragter des Alevitischen Kulturzentrums. Im Moment ist das Zwölf-Tage-Fasten, mit dem an ein Massaker an den Nachfolgern Mohammeds erinnert wird. Deswegen ignoriert er den würzigen türkischen Tee, der auf dem Tisch vor sich hin dampft. Lieber erzählt er von seinem Glauben, der in der Türkei nach wie vor nicht offiziell anerkannt ist. «Unsere Religion ist friedlich und fröhlich», sagt Dogan. Beim «Cem» zum Beispiel, der gemeinsamen Andacht, wird getanzt und gemeinsam Gott gepriesen. Anders als bei den traditionellen Muslimen sind hier Männer und Frauen nicht getrennt.
Beten im Kreis
Außerdem wird im Kreis gebetet, nicht hintereinander. «Wir möchten uns beim Beten in die Augen schauen, das gemeinsame Erlebnis pflegen», sagt Dogan. Trotz aller Gemeinsamkeit ist den Aleviten vor allem die spirituelle Verbindung des Einzelnen zum Schöpfer wichtig: «Es geht nicht darum, ob man Mann oder Frau ist, Alter und Herkunft spielen bei uns keine Rolle. Der Geist steht im Mittelpunkt. Und der muss rein sein.»
Gelebte Toleranz
Serdar Dogan vergleicht den Gläubigen gern mit einer Kanne, die mit schmutzigem Wasser gefüllt ist. «Man kann sie noch so oft außen putzen, der Inhalt bleibt unrein. Der Gläubige muss sich erst von allen bösen Gedanken lösen und den Geist mit Liebe zu den Menschen zu Gott füllen, um innere Reinheit zu erlangen.» Das schaffe man durch gelebte Toleranz und Gerechtigkeit eher als durch eifriges Beten oder die Wallfahrt nach Mekka. Wegen dieser Einstellung glauben viele Aleviten, dass sie den wahren Islam leben – im Gegensatz zu den Sunniten oder Schiiten.
In der Bundesrepublik sind die Aleviten gut organisiert. Die Alevitische Gemeinde in Deutschland nimmt regelmäßig an der Deutschen Islamkonferenz teil. «Zwischen dem alevitischen Glauben und der deutschen Rechtsordnung gibt es keine Widersprüche», berichtet Serdar Dogan. Die islamische Rechtsordnung Scharia spiele im Alevitentum keine Rolle. Deshalb stelle sich für Aleviten auch nicht die Frage, ob Scharia oder Grundgesetz vereinbar seien.
Die Mitglieder des Alevitischen Kulturzentrums legen Wert auf ein umfangreiches Angebot für ihre Gemeinde. Sogar ein eigenes Bestattungsinstitut ist angeschlossen, in dem die Verstorbenen nach alevitischer Tradition aufgebahrt werden.
Gemeindehaus kaufen
Außerdem engagieren sich die Frankfurter Aleviten für alevitischen Religionsunterricht an den städtischen Grundschulen, wie er schon in drei Einrichtungen in Hanau, Gießen uns Lollar die Regel ist. «Außerdem steht im kommenden Jahr ein großes Projekt an: Wir möchten unser Gemeindehaus von der Stadt kaufen und ausbauen», berichtet Dogan. «Unsere Gläubigen wünschen sich einen separaten Raum für die Cem-Andacht. Das wäre ein Grund zum Feiern – und da sind wir Aleviten immer dabei.»
Quelle:
http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/auf-einen-tee-mit-dede-dem-grossvater_rmn01.c.8528871.de.html