Nesimi

Die Aleviten verehren Nesimi als Volksdichter und Heiligen. Leider wissen wir nur sehr wenig über seine Person und sein Leben. Die Daten, die uns vorliegen, basieren zu einem nicht unerheblichen Teil auf Vermutungen und verbale Überlieferungen. Eine der wenigen fundierten Quellen über Nesimi stellt dabei das im Jahre 1546 verfaßte Schriftstück „Latifi Tezkiresi“ dar. Vieles können wir aber auch aus den Gedichten und Schriften Nesimis direkt erfahren.

Nesimi kann als zweiter Hallac-i Mansur bezeichnet werden, da sich beide Persönlichkeiten in ihrer Weltauffassung und Lehre stark ähneln. Beide sagten „Enel hak“ (Der Schöpfer ist in mir, Ich bin der Schöpfer), und wurden aufgrund dieser nicht verstandenen Worte ermordet, sie wurden Opfer von Dummheit und Intoleranz.

Über seinen Geburtsort und seinen Geburtstag ist wenig bekannt. Jedoch vermutet man , dass er zwischen 1339 und 1344 zur Welt kam. Die Geburtsstätte wird heute begrenzt auf die Orte Tebriz, Siraz im Iran; Diyarbakir, Nusaybin und den Irak.

Seine Geschichte begann mit Seyh Sibli, dessen Derwisch er gewesen sein soll, ehe er als Schüler zu Esterabadi ging. Der Gründer des „Hurifismus“ Fazlullah Esterabadi (1339-1394) machte Nesimi schnell zu seinem Vertreter.

An dieser Stelle bedarf es der Beschreibung des Hurifismus. Diese Philosophie spiegelt den inneren Glauben (Batinitentum) wider und geht davon aus, dass schlechte Seelen den Körper wechseln und gute Seelen zu ihrer göttlichen Ruhe gelangen können. Der Kern der Religionen entspricht ihrer inneren Bedeutung und nicht der äußeren Hülle. Nicht das banale Wort sei wichtig, sondern dessen wahre tiefe Bedeutung.

Fazlullah, der sich bereits in frühen Jahren mit der Wissenschaft beschäftigt hatte , pilgerte mit 18 Jahren zur Hac und war lange auf der Suche nach einer „wahren“Religion, eher er im Hurifismus seine Heimat fand. Er war der Meinung, dass Gott, das Universum und der Mensch eine Einheit seien, womit er durchaus große Anerkennung fand. Zwischen 1376 und 1386 begann er mit der Verbreitung seiner Philosophie, wobei er das damals progressive Isfahan (Irak) als Hochburg auserkor. Gleichzeitig postulierte er, der Mehdi zu sein und gründete seinen ersten „Zirkel“ aus sieben Jüngern. Hiernach zog er sich für lange Zeit in eine Höhle zurück, während seine Jünger den Hurifismus im Volk verbreiteten.

Auf Weisung von Miransah, Sohn des Timurlenk, wurde Fazlullah gefangengenommen und im Turm von Alincak eingekerkert. Dort wurde er getötet und sein Leichnam mit den Füßen voran schließlich über den Marktplatz gezogen. Auch einige seiner Gleichgesinnten wurden ermordet, andere gezwungen, von ihrem Glauben abzusprechen.

Nesimi hielt sich nach Esterabadi’s Tod im Iran, Azerbaidschan, dem Irak,, Syrien und Anatolien auf. In Anatolien kam er den Aleviten näher, mit deren Glaubensführern er einen intensiven Gedankenaustausch hatte. Dabei wahr ihm seine wahrscheinlich türkische Abstammung und die bei den Aleviten bis dahin weite Verbreitung der Ideologie des Hallac’i Mansur behilflich. Die Aleviten gewannen schnell Vertrauen zu Nesimi und übernahmen Teile des Hurifismus in ihre Glaubensauffassung.

Bevor Nesimi getötet wurde, hinterließ er eine Schriftensammlung in persischer und türkischer Sprache. Aus seinen Gedichten sprießt die Sehnsucht nach der Freiheit der Gedanken, für die er sich auch darüberhinaus einsetzte. Er brachte dabei seinen Glauben ohne Furcht zu Wort, indem er mit dem Satz „Enel Hak“ den 500 Jahre vorher lebenden Hallac-i Mansur (852-922) wieder zu neuem Leben erweckte. Mit „Enel Hak“ wollten Nesimi und Hallc-i Mansur verdeutlichen, dass sie ihr Ego überwunden hatten und mit Gott, den Propheten eins geworden seien. Der Schöpfer sei im Menschen und somit der Mensch, wie alles Lebende, gleich dem Schöpfer. Seit der Ermordung von Hallac-i Mansur hatte sich jedoch die Orthodoxie nicht geändert. Sie hatte inzwischen ihre Macht sogar vergrößert und stellte mit ihrer Scharia als Gesetzesorgan den Anspruch auf Alleinherrschaft im theokratischen Himmel. Dennoch wurde in der einzelnen Person Nesimis eine Gefahr für das System gesehen. Nesimi wurde daraufhin auf Geheiß des ägyptischen Regenten Seyh el-Müeyyed Seyfuddin in Halep (Syrien) festgenimmen und ihm die Haut vom Leibe gezogen.

Der Kadi, der Nesimis Todesurteil ausrief, behauptete dazu folgendes: „Nesimi ist ein Ketzer. Der Ort, auf den sein Blut tropft, kann durch Waschen nicht mehr gesäubert werden. Diese Stelle müßte abgetrennt und weggeworfen werden.“ Als der Kadi mit dem Messer auf Nesimi einstach, traf ihn ein Blutstropfen Nesimis am Finger. Wie natürlich schnitt er diesen nicht ab. Daraufhin Nesimi: „Du würdest für deine Scharia nicht einmal deinen Finger abschneiden. Aber, wie du siehst, bade ich für meinen Glauben im eigenen Blut.“

Bei den Aleviten wurde Nesimi auch nach seinem Tode nicht vergessen. Besonders die Alevitischen Dichter ehren ihn seit Jahrhunderten in ihren Zeilen, da er für die Alevitische Glaubensauffassung eine große Bereicherung war und auch in seiner Stellungnahme für die Freiheit des Geistes sowie für die uneingeschränkte Glaubenstoleranz sein Leben geopfert hat.

Quelle: http://www.alevi-bochum.de/personlichkeiten/nesimi.htm